Thesen zu Freiwilligenkultur

1.) Das freiwillige, bürgerschaftliche, ehrenamtliche Engagement der Bürger/innen braucht als politisch-kulturell förderlichen Hintergrund eine weitere Demokratisierung der Bürgergesellschaft. Eine wirkliche Freiwilligen-Kultur wird sich in diesem Land dann entwickeln, wenn es auch im politischen Bereich weitere Beteiligungs-, Mitwirkungs- und Entscheidungsmöglichkeiten für die engagementbereiten Bürger/innen gibt.
Die politische Klasse muss künftig Macht abgeben und Bürgerentscheide, -begehren, -anträge und -abstimmungen auf bundes- und landesweiter Ebene sowie besonders auf regionaler und lokaler Ebene einfacher als bisher zulassen. Außerdem sind weitere Beteiligungsmöglichkeiten für Bürger/innen zu etablieren, wie: runde Tische, Foren, Mediationsverfahren, Bürgerwerkstätten zur Gemeindeentwicklung... Diese Weiterentwicklung der Demokratie fördert mittelfristig auch weiteres Engagement in allen anderen Bereichen der Bürgergesellschaft.

3.) Das freiwillige, bürgerschaftliche, ehrenamtliche Engagement darf nicht als Lückenbüßer für einen Abbau des Sozialstaats benutzt werden. Damit würde die Politik das Ehrenamt abwürgen. Das derzeitige Niveau des Sozialstaats muss als förderliche Rahmenbedingung erhalten bleiben. Allerdings muss gefragt werden, wo sozialstaatliche Strukturen die Bürger/innen bevormunden und subsidiäre Initiativen der Bürger/innen bremsen. In lokalen Runden Tischen muss hier mit Initiativen und engagierten Bürger/innen ein Umbau des Sozialstaats diskutiert und vereinbart werden.

2.) Politik und Verwaltung müssen sich zurücknehmen. Ein aktivierender Staat und eine ermöglichende Verwaltung sollen künftig dem freiwilligen, bürgerschaftlichen Engagement den förderlichen politisch-administrativen Hintergrund bieten.
Finanzielle und andere Ressourcen von Staat und Verwaltung müssen Anschübe geben für Engagements, grundlegende Strukturen des Engagements müssen finanziell und mit anderen Ressourcen unterstützt werden.
Gesetze, Verordnungen und Verwaltungswege müssen hinterfragt werden, welche davon das bürgerschaftliche Engagement behindern und einschränken. Die allerorten stattfindenden Verwaltungsreformen müssen diese Frage in ihre Reformen einbinden.

4.) Die Bürger/innen müssen das bürgerschaftliche Engagement als Chance verstehen, Gesellschaft mitzugestalten und sich demokratisch einzumischen. Es ist eine Chance, sich für die eigenen Interessen und die Anderer zu engagieren, sich mit sonst brachliegenden Fähigkeiten einzubringen und mit anderen Engagierten zusammen gesellschaftlich zu wirken. In einer großen Vielzahl von Situationen ist bürgerschaftliches Engagement effektiver und effizienter in seiner Wirkung als staatliche Aktivitäten. Bürgerschaftliches Engagement findet seine Adressaten leichter als staatliches Handeln und ist in seinen Wirkungen unmittelbarer. Es schafft einen "Wärmestrom" (E.Bloch) in unserer manchmal als "kalt" empfundenen Gesellschaft.

5.) Für ein effizientes freiwilliges, bürgerschaftliches, ehrenamtliches Engagement muss eine engagement-fördernde Infrastruktur auf- und ausgebaut werden. Dafür braucht es eine langfristige und nachhaltige Unterstützung. So sind die mittlerweile in vielen Regionen entstandenen und sehr erfolgreich arbeitenden Freiwilligen-Agenturen ausreichend zu finanzieren. Dies ist eine Aufgabe für die Bundesländer, Landkreise und Kommunen.

6.) Die Bürgergesellschaft wie auch das freiwillige, bürgerschaftliche, ehrenamtliche Engagement bedarf der Unterstützung durch die Wirtschaft. Gerade die moderne soziale Marktwirtschaft braucht die Corporate Citizenship. Es muss selbstverständlich werden, dass Unternehmen sich in der und für die Gesellschaft sozial, kulturell, ökologisch und ökonomisch engagieren. Wie in den USA und in vielen anderen europäischen Ländern müssen Wirtschaftsunternehmen künftig die Infrastrukturen für das bürgerschaftliche Engagement unterstützen. Corporate Citizenship ist lokal, regional und bundesweit eine Investition, die großen "return of investment" für das einzelne Unternehmen wie für die gesamte Wirtschaft bringt. Es erzeugt ein wirtschaftsförderliches Umfeld im Gemeinwesen, es fördert die sozialen Kompetenzen der Mitarbeiter/innen in Unternehmen, erzeugt teamfähige Nachwuchskräfte für Industrie, Handel und Gewerbe. Corporate Citizenship muss einfach selbstverständlich werden.

7.) Die Arbeitsgesellschaft bietet auf absehbare Sicht nicht genügend bezahlte Arbeit für alle. Arbeit darf deshalb nicht länger auf bloße Erwerbsarbeit reduziert werden, sondern muss umfassender gesehen werden.
Wir sind auf dem Weg von der "Arbeitsgesellschaft" zur "Tätigkeitsgesellschaft". Bereits seit längerem entwickeln die Bürger/innen eine entsprechende "Multiaktivität": sie engagieren sich beruflich, nebenberuflich und in gesellschaftlich außerordentlich bedeutsamem Umfang in einer Vielzahl von freiwilligen, bürgerschaftlichen, ehrenamtlichen Engagements. Diese "Multiaktivität" muss gefördert werden: durch entsprechende staatliche Gesetzgebung, durch entsprechende Öffnungsklauseln in Tarifverträgen der Unternehmen. Es müssen für viele Menschen Zeitkorridore (wie z.B. arbeitsfreie Wochenenden) erhalten werden. Außerdem sind neue Zeitsouveränitäten durch entsprechende Tarif- und Arbeitsverträge zu ermöglichen. Wir denken an viel mehr Möglichkeiten für Teilzeitarbeit, an Zeitkonten für ein bürgerschaftliches Engagement zwischen Zeiten der Erwerbstätigkeit, an unkomplizierte Freistellungen in Betrieben, an Zeitspenden von Einzelnen und Teams in Firmen für bürgerschaftliche Belange. Dabei dürfen die Tätigkeiten im freiwilligen, bürgerschaftlichen, ehrenamtlichen Engagement nicht staatlich oder anderweitig erzwungen werden.
Eine Grundlage für das bürgerschaftliche Engagement kann ein garantiertes Grundeinkommen für alle Bürger/-innen sein. Dieses Konzept muss wieder in den politischen Diskurs. Mit einem garantierten Grundeinkommen wird vielen erwerbs-arbeitslosen Bürger/innen ermöglicht, sich freiwillig zu engagieren und dies vor einem sozial gesicherten Hintergrund.

8.) Auf regionaler und kommunaler Ebene muss das freiwillige, bürgerschaftliche, ehrenamtliche Engagement ganz besonders gefördert werden. Hier findet das bürgerschaftliche Engagement seinen unmittelbarsten Ausdruck und seine augenfälligsten Bezüge. Hier gilt: nicht zuerst bei den freiwilligen Leistungen der Kommunen für Vereine zu sparen. Denn gerade in Vereinen gibt es große Ressourcen des Ehrenamts. Kommunen haben hier eine Vielzahl von Fördermöglichkeiten, die von der kostenlosen Raumnutzung oder anderen Infrastrukturmaßnahmen bis zur Einrichtung von Freiwilligenagenturen und Freiwilligenzentren reichen.

9.) Die großen Sozial-Verbände müssen sich der Diskussion um ein modernes freiwilliges Engagement auf allen Ebenen stellen. Gerade die großen Verbände stellten bisher viele Möglichkeiten für Engagements sowie die dazu nötigen Strukturen zur Verfügung. Andererseits klagen sie seit längerem wegen Nachwuchsmangel im Ehrenamt. Und sie haben große Probleme im Bereich der Zusammenarbeit zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen. Die großen Sozialverbände plagen sich mit dem Veränderungsprozess vom alten Ehrenamt hin zum modernen freiwilligen Engagement. "Große Tanker" müssen zu wendigen Regattaseglern werden. Dies schaffen sie am ehesten durch die Einsetzung von Freiwilligen-Manager/innen auf allen organisatorischen Ebenen der Verbände.
Kleine und mittlere Vereine und Verbände sind seit langen Jahren an vorderster Stelle Träger der Freiwilligenarbeit. Sie stellen sich mit unterschiedlichen Erfolgen dem Wandel des Ehrenamts. Vielfach gibt es Probleme damit, diesen Wandel konstruktiv zu bewältigen. Auch hier macht es Sinn, auf allen Ebenen der Vereine und Verbände ein Freiwilligen-Management einzurichten. Mit einem effektiven Freiwilligen-Management können förderliche Strukturen für die Freiwilligenarbeit aufgebaut werden. Es kommt darauf an, den besonderen Anteil und Wert der Freiwilligenarbeit in Vereinen und Verbänden stärker als bisher herauszustellen. Diese Engagements haben Vorbildcharakter und können Interessierte anregen, selbst aktiv zu werden. Mehr als bisher sollten Vereine und Verbände etwas dafür tun, freiwillige Engagements anzubieten. Große Werbe- und Danke-schön-Kampagnen sind wichtig und sinnvoll, müssen aber durch ein modernes Freiwilligen-Management unterfüttert werden. Die Vergabe staatlicher Gelder muss an Forderungen zum Aufbau von nachhaltigen Strukturen für das freiwillige, ehrenamtliche Engagement in den Vereinen und Verbänden gekoppelt werden.

Thomas Kegel
Projektleiter der AfEAD

© ehrenamt.de
 Profil

 Litfaßsäule