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Ouvertüre: Unterstützung statt Rekrutierung des freiwilligen Engagements!

„Die Ouvertüre soll den Zuhörer auf den Charakter der Handlung vorbereiten und ihm deren Inhalt andeuten“(Gluck, 1679). Nach klassischem Verständnis – hier von Gluck – hat eine Ouvertüre spielerisch und leicht auf das Thema einzustimmen; Stimmen und Themen, die später immer wieder auftauchen, werden angedeutet – man bekommt ein Gefühl für die Sache. Freilich kann die hier folgende Ouvertüre nicht so kompakt in das Thema einführen wie in eine Symphonie. Dafür ist das Feld viel zu sehr in Bewegung, es franst an allen Ecken und Enden aus.

Auf jeden Fall gilt: Das Ehrenamt hat Konjunktur - gemessen an der steigenden Zahl von Tagungen, Veranstaltungen, Gesprächen, Stellungnahmen, Publikationen, etc. Die hier vorgelegte kommentierte Bibliographie stellt vor diesem Hintergrund eine Art Momentaufnahme dar – eine Momentaufnahme, die dringend geboten ist, um sich die Konturen des sich schnell verändernden Gegenstandes und des sich ebenso schnell verändernden und ausufernden Diskurses über den Gegenstand zu vergegenwärtigen.

Das Reden über das Ehrenamt stellt sich als äußerst vielfältig und heterogen dar: Unterschiedliche sich z.T. überlagernde politikwissenschaftliche, soziologische, sozialpolitische, theologische, sozialphilosophische, pädagogische Diskurse beziehen sich auf das Ehrenamt oder einen der inzwischen konkurrierenden Begriffe – wie bürgerschaftliches Engagement, freiwilliges Engagement, Bürgerarbeit oder gemeinwohlorientierte Arbeit, um nur einige zu nennen:

Der Diskurs um die Zukunft der Zivilgesellschaft bzw. Bürgergesellschaft fragt z.B. danach „Was moderne Gesellschaften zusammenhält“. Angesichts einer verstärkten Individualisierung wird das Ehrenamt hier zum wertvollen sozialen Kit für die Gesellschaft, das Ausmaß des geleis-teten Engagements gleichsam zum Gradmesser für eine intakte Gesellschaft mit hohem Sozialkapital.

Der demokratietheoretische Diskurs sieht das (bürgerschaftliche) Engagement der BürgerInnen als konstitutives Element einer lebendigen Gesellschaft.

Im sozialpolitischen Diskurs wird, gerade auch mit Blick auf die prognostizierten demographischen Veränderungen, auf die Dienstleistungslücke verwiesen und eine Verstärkung des ehren-amtlichen Potentials gefordert. In einer anderen Lesart wird angesichts zu beobachtender Privatisierungs- und Deregulierungsstrategien das Ehrenamt zum Instrument des Abbaus sozialstaatlicher Ansprüche.

Auf arbeitsmarktpolitischer Ebene wird – vor dem Hintergrund eines prognostizierten Endes der Vollerwerbsgesellschaft – die Vision einer „Bürgerarbeit“ entwickelt, die nicht entlohnt, da-für aber belohnt werden soll, orientiert etwa an der Höhe des Sozialhilfesatzes.

Geschlechterpolitisch wird u.a. problematisiert, dass sich die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung im Ehrenamt stabiler halte als in anderen gesellschaftlichen Feldern.


Ein zentraler Grundton

„Dem Ehrenamt geht die Arbeit aus“ - so lautete die provokative These von Halfar/Koydl (1994). Die These pointiert einen Argumentationsstrang, der in den letzten Jahren zunehmend Beachtung und Zustimmung gefunden hat. Nicht die Bereitschaft zum Engagement habe nachge-lassen, sondern – im Zuge allgemeiner Modernisierungsprozesse – ihre Formen, Strukturen, Motive und Herangehensweisen hätten sich verändert. Die Argumentation wird gestützt durch empirische Studien (nur als Beispiel Ueltzhöffer/Ascheberg 1995; Klages 1998), die eine hohe Bereitschaft zum Engagement bei der deutschen Bevölkerung nachweisen. Geändert haben sich demzufolge etwa folgende Orte und Formen des Engagements: Engagement will freiwillig erbracht werden – und weniger aus einem Gefühl der moralischen Verpflichtung heraus; In den Vordergrund rückt die Möglichkeit der Wahl zwischen verschiedenen Aufgaben: nicht mehr hineinrutschen in das, was notwendig erscheint, sondern bewußte Auswahl: wann, wo und wie will ich mich engagieren, wie lange, mit welcher Intensität; Selbstbezug: Im Ehrenamt ist eine steigende Bedeutung selbstbezogener Aspekte zu beobachten. Das Engagement, die Hilfe für andere erhält für die Engagierten Bedeutung als Lernprozeß, als Rahmen für die Realisierung eigener biografischer Planungen im Sinne einer Selbstverwirklichung: Das Engagement wird auch zur Bearbei-tung eigener Fragen genutzt; Engagement heißt nicht mehr unbedingt: lebenslange Arbeit in und Verbundenheit mit einem Feld und mit einem Verband, sondern kann z.B. entlang biographi-scher Prozesse eine Verlagerung der Aktivitäten mit sich bringen, auch einen zeitweiligen Aus-stieg oder Reduzierung; Das Engagement sucht weniger die großen Institutionen als kleine und überschaubare Anliegen und Projekte, etc.; Die Anforderungen an die demokratischen Strukturen des Arbeitsfeldes sind gestiegen: Möglichkeiten der Mitsprache, ein hohes Maß an Autonomie bei der (Mit-)Gestaltung des Aufgabenfeldes; hier sind auch neue Formen der Kooperation von hauptamtlichen Professionellen und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen gefragt: weniger Kon-kurrenz und Verdrängung, mehr kooperative und sich ergänzende Sichtweisen und Möglichkeiten der Hilfe; Gewachsen sind auch die Bedürfnisse nach Austausch und Kommunikation. Das schließt auch ein großes Interesse an Unterstützung und Fortbildung mit ein – bezogen auf Fachlichkeit und auf selbstbezogene Aspekte.

Auf die hier nur knapp skizzierten Veränderungen im Zugang zum Engagement seien viele Institutionen, etwa Parteien, Verbände, Kirchen, Gewerkschaften – also eher die großen Institutionen mit sehr langer und je spezifischen Ehrenamtstraditionen, noch nicht eingestellt. Diese Perspektive lenkt die Aufmerksamkeit auf die Institutionen und auf die in ihnen in Erwerbsverhältnissen arbeitenden Fachkräfte: „Die entscheidende, handlungsmotivierende Antwort für die Forschung, für die Politik oder andere Akteurskollektive in diesem Kontext wird mittlerweile weniger in dem Anschluss an die Frage gesucht, wer welche Hilfe (durch sich engagierende Menschen) bzw. Solidarität nötig hat, welche Bedarfslagen sinnvollerweise auf dem Wege und mit den Mitteln ehrenamtlichen Engagements befriedigt werden können. Statt dessen wird das Ehrenamt verstärkt als Reaktion auf die Frage diskutiert, was zu tun sei, um das Engagement der Menschen zu stärken bzw. zu fördern“ (Beher/Liebig/Rauschenbach 2000, 21). Kurz: attraktive Gestaltung des „Arbeitsplatzes“ von Engagierten statt schlichte Rekrutierung von benötigten HelferInnen. Diese Formel bestimmt z.Zt. Entwicklung wie Diskussion auf verschiedenen Dimensionen:

  • Die Frage nach der Qualifizierung von Professionellen (in Verbänden, Verwaltung, etc.) zur Zusammenarbeit mit Engagierten, § die Frage einer adäquaten Personalführung und -entwicklung für Ehrenamtliche, analog zu den professionellen MitarbeiterInnen,
  • die Frage nach der Vermittlung von Engagementinteressierten in passende Engagementfelder durch Freiwilligenzentren, Bürgerbüros, etc.,
  • die Frage nach der Förderung von Ehrenamtlichen durch entsprechende Infrastrukturmaßnahmen auf den Ebenen der Kommunen, Landkreise, Bundesländer und im Bund.

Neue Töne

Wie bei vielen anderen Aspekten des Ehrenamtes ist auch das Thema „Ehrenamt und Unternehmen“ stark durch angloamerikanische Erfahrungen und Reflektionen geprägt. Begriffe wie „corporate citizenship“ oder „corporate volunteering“ werden hier zu Lande allerdings noch eher zögerlich rezipiert, diskutiert oder gar in der Praxis erprobt. In der angloamerikanischen Tradition soll sich ein Unternehmen nicht nur als Marktakteur, sondern auch als “good citizen“, als guer Bürger des Gemeinwesens erweisen. Z.B. indem er nicht nur Geld (diese Variante ist in Deutschland bekannt), sondern auch Zeit und Kompetenzen spendet: MitarbeiterInnen eines Unternehmens werden mit ihren je spezifischen Kompetenzen für das Engagement in einem sozialen, ökologischen oder kulturellem Projekt freigestellt. Man darf gespannt sein, ob die Beschäftigung mit diesem Themenkomplex an prominenter Stelle – die Enquete-Kommission „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestages hat dieser Frage erheblichen Stellenwert zugemessen – die Diskussion in den nächsten Jahren forcieren wird.

Dr. Heinz Bartjes


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